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Drohne legt Londoner Flughafen Gatwick lahm

Kees Andreas, Amhof Thomas 20.12.2018

Quelle NZZ, Markus M. Haefliger, London

https://www.nzz.ch/panorama/drohne-legt-londoner-flughafen-gatwick-lahm-ld.1446464

Unbekannte Täter bringen seit Mittwochabend den Flugbetrieb des zweitwichtigsten britischen Flughafens zum Stillstand. Zehntausende von Passagieren sitzen fest oder müssen umständliche Umwege in Kauf nehmen.

Seit kurz nach neun Uhr Ortszeit am Mittwochabend können in Gatwick, dem zweitwichtigsten Flughafen Londons und Grossbritanniens, keine Passagierflüge mehr starten oder landen. Eine oder mehrere Drohnen in unmittelbarer Nähe der Start- und Landepisten zwangen die Flughafenbehörden dazu, den Betrieb aus Sicherheitsgründen einzustellen. Die Polizei fahndet mit einem Grossaufgebot nach den unbekannten Drohnenpiloten – bis am Donnerstagabend ohne Erfolg. Der kommerzielle Flugbetrieb in Gatwick blieb zu dem Zeitpunkt weiterhin unterbrochen.

Panikattacken im Grossflughafen

Vom Zwischenfall sind Zehntausende von Passagieren betroffen, die über die Festtage London verlassen oder umgekehrt Freunde und Verwandte in Grossbritannien besuchen wollten. Für Donnerstag allein waren 760 Flüge mit insgesamt 110 000 Reisenden von und nach Gatwick vorgesehen.

Abfliegende Passagiere sitzen seit über zwölf Stunden in dem mehr zweckmässig als bequem eingerichteten Flughafen fest. Reporter und Betroffene, die sich über die sozialen Netzwerke äusserten, berichteten von grässlichen Zuständen. Behinderte verbrachten die Nacht in ihren Rollstühlen, Tausende von Reisenden sassen oder schliefen auf dem Boden, weil es an Sitzgelegenheiten mangelt. Es kam zu Panikattacken.

Flüge nach Gatwick wurden umgeleitet, teilweise in so weit entfernte Flughäfen wie Amsterdam, Paris oder Edinburg. Später annullierten die Verantwortlichen alle Flüge von und nach Gatwick. Aus der Schweiz waren vor allem Flüge von Easy Jet betroffen – die Billig-Airline leitete einen Flug nach Birmingham um und annullierte am Donnerstag insgesamt acht Flüge aus Genf, Zürich und Basel. Die Swiss fliegt London nicht über Gatwick an. Laut den Flughafenbehörden wird es Tage dauern, bis alle Flüge kompensiert werden können.

Terroristisches Motiv ausgeschlossen

Die Polizei geht davon aus, dass die Störung des Flugbetriebs beabsichtigt ist; ein terroristisches Motiv war frühzeitig ausgeschlossen worden. Am frühen Donnerstagnachmittag sprach Transportminister Chris Grayling von einem anhaltenden, ernsten Ereignis. Laut Grayling wollen die Missetäter mit mehreren schweren («substantial») Drohnen den Flugbetrieb in Gatwick stören. Seit dem Nachmittag verstärkten Spezialeinheiten der Armee die Ordnungskräfte, die mit einem Grossaufgebot von über zwanzig Polizeieinheiten im Einsatz waren. Der verantwortliche Polizeikommandant, Justin Burtenshaw, hatte schon am Morgen die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen.

Die Beanstandungen wegen Freizeitdrohnen nahmen in den vergangenen vier Jahren stark zu, von weniger als zehn Vorfällen pro Jahr im gesamten Vereinigten Königreich auf über hundert Fälle im laufenden Jahr. Auswirkungen wie beim Flughafen Gatwick hatten die Zwischenfälle noch nie. Laut Flugsicherheitsexperten, die von britischen Medien befragt wurden, dürfte die Angelegenheit zu einer strengeren Regulierung von Verkauf und Betrieb der Fluggeräte in Grossbritannien und darüber hinaus führen.

Als Erste hatten Angehörige des Bodenpersonals in Gatwick am Mittwochabend eine Drohne gesehen. Der Flugbetrieb wurde aus Sicherheitsgründen umgehend eingestellt. Laut dem Flughafen-Chef Chris Woodroofe verschwand das Fluggerät (oder verschwanden mehrere davon) während der Nacht immer wieder, wurden aber später erneut gesichtet.

Die Betriebsdauer der Batterien von teuren Drohnen betragen laut Fachleuten bis etwa dreissig Minuten, aber wenn Piloten paketweise aufgeladene Akkus mit sich führen, erhöht sich die gesamte Flugzeit entsprechend. Auch am frühen Donnerstagnachmittag wurde erneut eine Drohne gesichtet.

Polizei jagt unsichtbare Piloten

Am Vormittag hielten Kolonnen von Fahrzeugen von den Landepisten aus Ausschau nach Drohnen, die Polizei überwachte das Gelände ausserdem mit Helikoptern aus der Luft. Die Fahnder kämpfen mit der Schwierigkeit, dass Drohnen schnell unterwegs sind und von Radargeräten nicht oder nur sporadisch erfasst werden. Trotzdem ist die Polizei zuversichtlich, dass sie die Übeltäter dingfest macht; ihnen drohen Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.

Laut den Verordnungen dürfen Hobbypiloten mit Drohnen nicht näher als einen Kilometer an Flughäfen herankommen und generell nicht höher als 400 Fuss (122 Meter) fliegen lassen. Ein Sprecher der britischen Pilotenvereinigung forderte am Donnerstag, dass die gesetzliche Mindestdistanz zu Flughäfen auf fünf Kilometer ausgedehnt wird.

Der Vorfall dürfte weltweit die Diskussion um passive und aktive Schutzmassnahmen ankurbeln. Bereits jetzt werden Flughäfen oder Gefängnisse elektronisch «abgeriegelt». Neuere Fluggeräte verfügen über Sensoren, die eine Drohne zur Landung zwingen, wenn sie in den durch sogenanntes Geofencing geschützten Perimeter eindringt.

Die Technologie ist derzeit jedoch nicht Vorschrift und kann ausserdem durch frevelhafte Tüftler ausgeschaltet werden. Ein weiterer Vorschlag lautet, dass Flughäfen in Technologien investieren, mit denen die Frequenzen der von Drohnenpiloten benutzten Funksignale erkannt und gestört werden.

Kommen die Laserkanonen?

Die in Gatwick eingesetzten Polizeikräfte schlossen den Abschuss der gesichteten Drohnen aus; das Risiko von Irrläufern und Querschlägern in einem Gebiet mit zahlreichen Beschäftigten und Anwohnern sei zu gross, sagte der verantwortliche Polizeikommandant. Als eine eher futuristisch anmutende aktive Abwehr werden auch Lasergewehre genannt.

Sicherheitskräfte in den USA sollen mit der Waffe experimentiert haben, mit der die Batterien einer Drohne erhitzt und zur Explosion gebracht werden können. Ob man die Instrumente über einem kommerziellen Flughafen einsetzen würde, ist allerdings wohl eher fraglich.